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Der Joy Division unter den Ostbezirken

11. Juli 2013

Die Prenzlauer Berg Nachrichten berichten von einem neuen Bild-Band. Versehen mit prosaischen Texten von Andreas H. Apelt zeigen die Fotografien des Niederländers Ron Jagers einmal mehr die Trostlosigkeit des Prenzlauer Berges vornehmlich in den 1980er Jahren.

Adäquat zu Joy Division sind bei vielen Prenzlauer Bergern die Erinnerungen an den Bezirk auch eher schwarz-weiss, wie man hier im PLöGG ganz gut sehen kann. Selbst Farbbildern wohnt eine latente Schwarzweißigkeit inne, die nicht allein mit der mangelhaften Qualität der Farbfilme (eigtl. muss man hier im Singular reden) zu erklären ist.

Andreas H. Apelt/Ron Jagers: Hinter der Stille - Berlin-Prenzlauer Berg 1979–1989 – Bild-Text-Band (ISBN 978-3-89812-999-2), 144 S., € 24,95.

Reanimationszwischenfrage

18. Juni 2013

Es wurde und wird viel geschrieben über die “Hipster“. Natürlich ist Hipstersein längst nicht mehr annähernd hip und wer sich Hipster-esque durch den Prenzlauer Berg bewegt, gibt sich eher der Lächerlichkeit preis, ist doch im durchgentrifizierten Bio-Kinder-Mekka nicht annähernd irgendetwas Hippes zu finden oder gar zu installieren – nichtmal Hipp ist gern gesehener Gast in den Kindermägen. Wer kam überhaupt auf die Idee, den Hipster im Prenzlauer Berg zu verorten? Doch berechtigterweise stellt sich jemand – natürlich Auswärtiger – die Frage, was wohl mit den Jute-Plantagen – die ja recht eigentlich Baumwoll-Plantagen sind, ist die Masse der Hipster doch nicht mit der Milchstraßen-weiten Jute-Produktion zu bebeuteln – weltweit geschehen mag, implodiert plötzlich die Hipster-Blase. Und ja, was passiert dann? Der Kern der Frage ist, wie soll es anders sein, modischer Natur und ich stelle folgende Theorie in den Raum: Solange größere Fashion-Ketten weltweit der Herrenmode wieder Regular Fit- oder gar Loose Fit-Hosen schenken, sollte der Schwund durch das Verschwinden der Jute-Beutel ausgeglichen sein. Nur für das Absterben zahlreicher Druckereien, die sich sich allein auf das Bedrucken des Hipster-Beutels mit voll krass coolen Sprüchen spezialisiert haben, ist keine Lösung in Sicht.

[Die "Zwischenfrage" ist aus dem BLöGG recyclet. Irgendwie muss man ja wieder anfangen.]

Schliemanns Grab

9. Oktober 2012

Heinrich Schliemann kannte sich wohl bestens mit Gräbern aus. In seines wird er das Geheimnis mitgenommen haben, ob sich Leute in ihren letzten Ruhestätten zu wenden pflegen, wenn sie – und das ‘ob’ harrt ja auch nach wie vor der Bestätigung durch die weltliche Welt der Wissenschaft – dem mitunter unansehbaren wiewohl zuweilen dennoch ansehnlichen Treiben der noch unter den Lebenden weilenden ansichtig werden. Der geneigte Leser wird zucken und denken: “Ieeeeh, wie soll denn einer ‘ansichtig’ werden werden, dessen Angesicht den Weg allen Fleisches bereits lange beschritten hat?” Soll er zucken und denken.

Olle Schliemann wiederum wurde zwar pompösestens neoklassizistisch in Athen bestattet, sein Nachleben indes erfuhr zwar durchaus Ehren, doch deren Zwiespältigkeit ist auch dem der Archäologie eher Fernen gewahr: Ein Mondkrater und die Schliemannstraße einen sowohl die Schliemann-Ehrungsversuche als auch eine eher abseitige Anmut. Hier die zum Vergleich dienen sollenden Bilder aus der Schliemannstr.:

Die Schliemannstr. zwischen Stargarder Str. und Helmholtzplatz, Blickrichtung Stargarder 1982. © Urheber unbekannt. Quelle: http://bit.ly/VGQFwp

Die Schliemannstraße von der Lettestraße aus gesehen ebenfalls 1982. © Urheber unbekannt. Quelle: http://bit.ly/VGQFwp

In vielen Wörtern und womöglich einigen Worten ist also der Schliemannstraße das meiste Wissenswerte entlockt. (Und es gibt nichtmal groß was zu locken. Diese wenigen Informationen lungern ebenso barbusig wie offenherzig an den gleichermaßen schummrigsten und belebtesten Ecken im Netz herum und teilen sich wirklich jedem mit.) Auch hier wird gezuckt und gedacht, doch es spricht ja Bände, dass das Nennenswerteste an der Schliemannstraße eben der Namenspatron zum einen und die Trennung der beiden Straßenteile, der Helmholtzplatz, zum anderen sind.

Der Helmholtzplatz von der Dunckerstraße aus ca. 1920. © Urheber unbekannt. Quelle: http://bit.ly/VGQFwp

Der Zeichenzahl zuliebe wie der Möglichstvollständigkeit halber sei hier noch ein Link zur Umweltbibliothek und ein weiterer zum Café Schliemann untergebracht. Letzteres ist nach dem Link 2010 zur Bar geworden und dürfte in diesem Zuge das letzte bisschen Ehre eingebüßt haben. …

[Ach, nun hier noch ein wenig aus dem Nähkästchen: Dieser Eintrag ist nämlich einem jüngst erlebten Ereignis geschuldet. Dabei trug es sich zu, dass in einer leider nicht allzu lauen Oktobernacht unversehends fünf gebürtige und bis auf eine Ausnahme auch im Prenzlauer Berg lebende Ostberliner auf einem Balkon in der Schliemannstraße standen, unbehelligt von den im Innern der Wohnung weilenden Gästen aus aller Herren Länder und Bundesländer. Ohne jedewedes Schwabenbashing: Ein Ereignis, welches im Prenzlauer Berg vermutlich etwa mit der Häufigkeit eines Merkurtransits auftritt. Selbstredend wurde sich zunächst weinend in den Armen gelegen, um in Folge jedem Anwesenden davon zu berichten. Auf den BLöGG kommend versprach ich einer anwesenden Dame, einen baldigst erscheinenden Eintrag. Hier ist er. Ihr sei er gewidmet.]

Der aller weiteren Ehren sicherlich werte Herr Schliemann könnte nun probieren, ob es sich so verblichen noch im Grabe gut umdreht oder rotiert. Doch seien wir realistisch: Wenn Herr Schliemann in seinem Zustand rotieren könnte, würde er sich vermutlich auch eher selbst ausgraben. Oder ist wer anderer Ansicht?

Wer von Berichtenswertem in der Schliemannstraße hörte oder gar weiß, ist hiermit auf das Herzlichste eingeladen, mich mit derlei zu behelligen. Ich werde es gern hier zur Kenntnis des Schreibenden schreiben und der des Lesenden publizieren.

Mühlenweg

29. August 2012

Weitgehend unfotografiert blieb bis in die 1990er Jahre der Mühlenweg. Natürlich finden das sowohl die Leser als auch ich blöd, doch so konnte er, der Weg, ungestört seinem Tagwerk nachgehen. Und dass es ihn noch gibt, ja er sogar als Straßburger Straße ein neues Leben beginnen konnte, spricht doch dafür, so einen Weg auch mal Weg sein zu lassen.

Es wurde bereits ein wenig darauf eingegangen, dass u.a. den Hügel zu Füßen des Wasserturm eine gemessen am Rest Berlins größere Anzahl Mühlen zierte. Und so kam es: 1748 wünschte König Friedrich II. unmissverständlich, dass außerhalb der Stadtmauer fünf Windmühlen zu errichten seien. Nach einiger Suche bekam der Windmühlenberg den Zuschlag. Der Besitzer des Grundstückes – Georg Friedrich Bötzow – hatte entschädigt zu werden und Müllermeister Christoph Müncheberg wurde vertraglich verpflichtet, bis Ende September dort zwei Mühlen zu errichten.

Die Quellen weichen hier ein wenig voneinander ab. Einige sagen, dass die erste Mühle privat errichtet bzw. umgesetzt wurde, andere wollen wissen [etwa Seite 16], dass die erste Mühle auf königliches Geheiß und also im Grunde königlichen Betrieb dorthin kam. [Hier kann man jedenfalls nachlesen, wer wann welche Mühle betrieb oder verantwortete und wo die Mühlen standen.]

1749 baute und betrieben ein Windmüller Johann Friedrich Lehmann, ab 1784 Mühlenmeister Andreas Friedrich Hampe auf eigene Kosten die erste, nicht lange nachdem Zoll- und Akzisemauer errichtet worden war. Man muss annehmen, dass es ihm zu eng geworden war, zum einen; zum anderen natürlich in der Stadt ohnehin schon kein besonders günstiger Windmühlenbetrieb zu bewerkstelligen war (und vermutlich ist) und mit Bau der Akzisemauer der eventuelle Betrieb noch weiter verungünstigt wurde. In jedem Falle darf man diesen Herren beschuldigen, überhaupt erst irgendetwas später gentrifizierbares besiedelt, also geschaffen zu haben – wehren kann er sich jedenfalls nicht mehr.

Der Windmühlenberg um 1780. © Johann Georg Rosenberg (1739 – 1808). Dieses Bild ist gemeinfrei.

Später auf jeden Fall, ca. 20 Jahre, also 1770 standen bereits acht Mühlen am Berg. Was der gerade geäußerten Theorie des Vorreiters der Gentrifizierung, nun ja, Wind in die Segel bläst. Vier Bockwindmühlen (wie sie etwa zum Beispiel in Marzahn zu begutachten sind) und vier Holländer (etwa wie die Britzer Mühle). Während in Norddeutschland die letzteren die ersteren nach und nach verdrängten, standen sie hier in mahlender Eintracht nebeneinander. Vermutlich nahmen im Zuge der o.g. Windmühlenkriege jedoch die Holländer mehr zu, als es die Böcke taten. Die meisten Mühlen unterstanden dem Königlichen Amt Mühlenhof. Waren 1770 noch 7 von 8 Mühlen quasi königlich, so standen um die Jahrhundertwende 18./19. Jhd. bereits irgendwas zwischen 24 und 30 Mühlen am Berg. Mit dem Edikt der Gewerbefreiheit jedoch, die vor der Zeit der französischen Revolution faktisch nicht gegeben war, standen die königlichen Mühlen in Konkurrenz zu den mehr werdenden privaten solchen.

Einige Wirren später – zunächst hatte sich im Februar 1812 Preußen, einschl. dem Prenzlauer Berg Napoleons Truppen unterworfen; bereits im Februar/März 1813 besetzten russische Truppen u. a. unseren Mühlenberg – wurden die meisten königlichen Mühlen 1826 schließlich verkauft. Kaufer: Christian Friedrich Bötzow. Der verkaufte seine Mühlen innerhalb der folgenden Jahre bis 1836. In den nächsten etwa dreißig Jahren sollten die meisten Mühlen dem Feuer anheim fallen. Die Mülllermeister waren bereits zechen und die Lehrlinge versäumten ein ums andere Mal, Getreide nachzuschütten. Die Mahlsteine mahlten leer, schlugen Funken und die Menge an trockendem Getreide erbot sich als hervorragender Brandbeschleuniger. Formidable Feuersbrünste waren die Folge, der Mühlenstandort verlagerte sich zunehmend in die Schönhauser Chaussee, wo er jedoch längst nicht mehr so vielzählig war. [Wer hier noch ein wenig mehr Story will, dem sei - natürlich - das Standard-Werk von Daniela Dahn empfohlen]

Zu all den Mühlen führte, als sie noch standen und mahlten, aber auch später, ein ‘Mühlenweg’. Zunächst – wie heute auch – gerade ansteigend bis etwa zur heutigen Saarbrücker Straße und dann in Bögen an den Mühlen entlang etwa bis zum Wasserturm, der dort von 1853 – 1856 errichtet und am 1. Juli 1856 durch die englische Wasserwerksgesellschaft Berlin-Waterworks- Company in Betrieb genommen wurde. Der Mühlenweg indes wurde 1874 zur Straßburger Straße.

Mehr Communication

21. Juni 2012

Communiziert wird auch – an einigen Tagen im Jahr sogar exzessiv; dazu später mehr – im Teil des Communicationsweges jenseits der Schönhauser Allee Richtung Mitte und Wedding. Und es mag historisch nicht verbrieft sein, doch auch im 19. Jahrhundert tat man das dort schon angelegentlich, so gab der Magistrat hiesiger königlichen Haupt- und Residenzstadt am 12. Mai 1889 (kurz nach dem 1. Mai des Jahres) bekannt, dass Wilhelm II. die Straße nach der nordöstlich von Berlin gelegenen Stadt Eberswalde zu benennen gedenkt. Es passt zwar ins Straßenbild der Umgebung mit der Choriner, Bernauer usw., doch behaupte ich kühn: Wilhelm II. hat sich das nicht ausgedacht. Irgendein Hofazubi sollte Straßen benennen. Wilhelm hätte dem ganzen mehr internationalen Esprit verpasst.

Wie dem sei, so hieß der Feldweg dann jedenfalls. Was macht man mit so einem Feldweg, der jetzt einen Namen trägt? Darüber haben sich bis 1912 viele Menschen wahrscheinlich keine Köpfe zerbrochen bis, ja, bis die Stadt Berlin das Gelände mit dem schon seit 1825 bestehenden und aufgrund einer einsamen Pappel auf dem Platz feingeistig “Exerzierplatz zur einsamen Pappel” benannten Gelände kaufte. Und da Militär und Sport gute alte Bekannte sind, wurde der Exerzierplatz in eine Sportstätte umgewidmet.

Pappeln, insbesondere die da gestanden haben sollende Schwarzpappel, sind für einen gesellschaftlichen Mehrwert solch einer Sportanlage nicht besonders ausschlaggebend. So wurde der Platz unter anderem vom damals noch BFC Hertha 1892 genutzt. Die nächsten über 100 Jahre machen diesen Umstand erst rund wie einen Fußball: Hin und wieder übte sich die Herrenmannschaft in Geschichtsbewusstsein und stand herum wie eben jene Pappel und so stieg sie regelmäßig in niedere Ligen, zeitweise gar in die Amateur-Oberliga ab. Nun, und BFC blieb an dieser Stätte ein gern genutzter Name. Die Hertha ihrerseits benannte sich in BSC, also Berliner Sport-Club um, wohl weil die Vereinsbosse erkennen mussten, dass Fußball nicht immer zur größten Stärke des Vereins gehörte. Da war sie jedoch schon an eine andere Stätte am nahen Gesundbrunnen gezogen.

Wenigstens der Name der Vereine sollte in Teilen beibehalten werden. Man müsste nämlich vermuten, dass die geistreichsten Köpfe der Stadt einen spritzigen, wohlklingen und subtilen Namen wie “Sportstätte zur einsamen Pappel” gemeinsam erdacht haben, doch weit gefehlt. Bis 1952 – und ab wann ist völlig unklar – wurde zu dem Ding für’n Sport “Berliner Sportpark” gesagt. Doch dann erschien selbst dem begnadetsten unter den Straßen- und Plätzebenennern irgendwas mit “zur einsamen Pappel” zu hochtrabend. Also “Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark”. Der Turnvater hätte in dem Jahr seinen 100. Todestag feiern können, stahl sich per Ableben jedoch schon weit zuvor, etwa 100 Jahre um genau zu sein, von der Todestagsfeierei davon. Also heftete man an seinen Namen die Sportstätte. Er konnte sich ja nicht mehr wehren. Nach so vielen Jahren mit der Turnerei hatte der vielleicht gar keinen Gefallen mehr an dem ganzen Trimdich-Zeugs. (Die Wikipedia deutet das an: “1848 wurde Jahn in die Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche gewählt. Er wandte sich vom patriotischen Turnen ab, engagierte sich für Ruhe und Ordnung und vertrat die Idee eines preußischen Erbkaisertums.”)

Unruhen waren hier bereits mitte des 19. Jahrhunderts gern gesehene Flaneure. Im März, also etwas früher im Jahr, 1848 postulierten rund 20.000 Berliner Arbeiter hier Forderungen wie ‘geregelte und kürzere Arbeitszeiten’, ‘höhere Löhne an Sonn- und Feiertagen’ und ‘Einführung der allgemeinen Schulpflicht’ an den preußischen König. Unerhört natürlich, aber Unruhe war nun da. Und mit dieser Tradition im historischen Rücken, nur eben gepaart mit dem Wunsch nach besserem Unruhewetter, wurde der 1. Mai und seine Randale Kundgebungen bald nach der Wende in den Prenzlauer Berg, zum Teil eben in die Eberswalder Straße versetzt.

Zurück zum Feldweg. 1913 bis 1915 wurde ein ansehnliches Postamt hierhin gebaut.

Briefträger auf dem Weg ins Postamt N58, Eberswalder Straße. 1958. © Horst Stumm, 1958. CC: Bundesarchiv, Bild 183-59114-0001 / Sturm, Horst / CC-BY-SA.

Ebenfalls 1915 war die Wohn-, die mit dem nett anzusehenden Eckhaus Schönhauser Allee 145/Eberswalder Straße 24 angeblich in der 1850er Jahren begonnen , auch zunächst schon wieder abgeschlossen. Zuvor, 1908 wie im Eintrag ‘Communicationsweg‘ bereits erläutert wurde, eröffnete hier eine Straßenbahnlinie, die bis zur Landsberger / Elbinger Straße auf der einen, bis Bernauer / Wattstraße auf der anderen Seite führte. Am 27. Juli 1913 dann eröffnete der U-Bahnhof Eberswalder Straße den Anschluss an das U-Bahnnetz.

Der U-Bahnhof vermutlich nicht lange nach seiner Eröffnung im Jahre 1913. © unbekannt. Quelle: www.berliner-untergrundbahn.de

Erst in den späteren 1930er Jahren wurde das oben genannte Exerzier- und Sportgelände etwas verkleinert und weitere Wohnhäuser sowie die damals Ludwigstraße (benannt nach dem 1932 erschossenen Nationalsozialisten Otto Ludwig), heute Topsstraße entstanden. Nur um in den Folgejahren massiven Rückbaubestrebungen standhalten zu müssen. Letzlich im großen und ganzen erfolgreich.

Der U-Bahnhof, mittlerweile Dimitroffstraße vermutlich in den 1960er Jahren vom “Exer” an der Topsstraße aus. © unbekannt.

Wie man der Länglichkeit des Textes entnehmen kann, gibt es so allerhand viel nicht zur Eberswalder Straße zu sagen. Hier gab es bis 1990 die einzige koschere Schächterei Ost-Berlins, doch nicht einmal darüber, von wo der Schächter zweimal wöchentlich eingeflogen werden musste, sind sich die Quellen eins. Bulgarien oder Ungarn war es wohl jedenfalls. Und was die einen koscher finden, ist für die anderen weitgehend halal, weshalb die Köche der arabischen Botschaften (vermutlich ein wenig verkleidet oder über Mittelsmänner) hier regelmäßig einkauften.

Übr. ist die Eberswalder Straße in den Zeiten der Teilung Berlins gut und oft fotografisch dokumentiert worden, insbesondere die Ecke zur Oderberger Straße, da in der Bernauer Straße ein Aussichtspunkt aufgestellt war. Bilder davon habe ich schon einige, jedoch noch nicht die Nutzungsrechte. Sobald die da sind, sind auch die Bilder hier.

[Bei Zeiten geht's hier weiter.]

Tempus furit

19. März 2012
Die 'Furit Bar'.

Die 'Furit Bar' im Sommer 2011. © Ich. 2011.

Ja. Es war an der Zeit. Niemand mehr, der sich einen Moment lang karibisch fühlen wollte, niemand mehr, der die Exotik zu küssen bereit war. Zuletzt vielleicht noch ein kleiner Moment der Palmdacht, wenn man Böller statt Brot im Flachbau zu kaufen gewillt war. Doch nicht einmal das Knallzeug hatte noch südseeisch anmutende Namen. Aus. Vorbei. Nie wieder Früchte.

Wo einst sozialistisches Küchenmobiliar zu erwerben war, sicher auch das ein oder andere Sprelacart-funierte Prachtstück, soll nun – Endlich! Was haben wir alle darauf gewartet? – ein Geschäftshaus in den Prenzlauer Berger Immobilienhimmel wachsen. Sicher ein Maßstäbe setzender feuchter Traum der Architektenzunft. An der Schönhauser Allee / Ecke Schivelbeiner Straße im Herzen, also, der rechten Herzkammer des Prenzlauer Berges gewissermaßen.

Und weil es ja wirklich an allem fehlt in den Prenzlauer Berger Townships – hier die Top 3 dessen, was hier, neben Trinkwasserwiederaufbereitungsanlagen, am dringendsten benötigt wird:

3. Shopping Mall. Gern auch so ansehnlich und hochkarätig besetzt wie das bis zum Bau des Schivelbeiner Buildings noch auf der Nummer eins der prima-sten Bauten aller Zeiten stehende Prachtstück an der Kopenhagener Str./ Ecke Schönhauser Allee.

2. In der Shopping Mall ( da führt wirklich kein Weg dran vorbei) sollte unbedingt ein Bubble Tea-Shop eröffnen. Um der Schnelllebigkeit Rechnung zu tragen, sollte man zunächst ein, gern auch mit englisch-amerikanischem Namen versehenes Nagelstudio eröffnen, was drei Wochen später vom eben Bubble Tea-Sweatshop abgelöst wird. Wie bei den Mitbewerbern auch, ist es nicht notwendig, das Personal zu wechseln. (Stichwort: ‘Dauerhafte Arbeitsplätze schaffen’.)

1. Leerstand. Planwirtschaftlich betrieben am besten. Vorschlagsweise zunächst bis 2018 und dann könnte das Bezirksamt da einziehen.

Überhaupt das Bezirksamt. Die Stadtteilväter sind wahrhaftig die Trüffelschweine im Prenzlauer Berger Architekturwald. Ein längst vergessenes weiteres Juwel soll nun bezogen werden. Nicht nur Prenzlauer Berger vergleichen gern den Taj Mahal mit dem Kunstbau an der Prenzlauer Promenade. Die BVV will es nun zunächst den Pankowern (und dann der ganzen Welt) wieder zugänglich machen. Freilich: Not ist der nicht Grund. Es geht also einzig und allein um den Zugang zu (demnächst sicher) Weltkulturerbe. Nebenbei: ‘Schnelle Anbindung zur Autobahn‘ war schon zu Zeiten der Vorväter Maß der Dinge. “Baue Herd und Zelt wo die Autobahn nahe schnellt” hieß es schon vor früher.

Nun, und es wird an der Fröbelstraße Platz gemacht für jede Menge oder aber eine riesige Furit Bar.

Update: Es wird gemunkelt, dass Madonna während ihres Berlin-Besuches im Sommer 2012 ein Kind aus dem Prenzlauer Berg adoptieren wird.

Communicationsweg

7. März 2012

Eines der vielen im Prenzlauer Berg schlagenden Herzen ist die heutige Danziger Straße. Sie entstand in den frühen 1820ern zunächst als Feldweg und sollte die bereits seit dem Mittelalter bestehenden als Landstraßen erscheinenden Ausfallstraßen, also Straßen vom Zentrum um Fischerinsel, Nikolaiviertel und heutigem Alexanderplatz in die Brandenburger Peripherie führend ringförmig verbinden. Daher Communication.

So ganz hat das nie geklappt mit der Communication, jedoch darf man vom Zentrum der Welt aus sagen, dass der Communicationsweg wenigstens bis an den Rand der Scheibe weiter zu führen scheint, betrachtet man einmal die Eberswalder nach Westen und Richtung Süden die Petersburger Straße. Klappt man die Scheibe um und guckt sich weiter die Warschauer und Gitschiner Straße, das Hallesche Ufer und auf der anderen Seite die Bernauer und dann Invalidenstraße an, kommt man zu dem Schluss, dass mit dem Bau des Tiergartentunnels mitte der 1990er dieser Ring nahezu geschlossen wurde. Aber eben auch nur nahezu.

Der Magistrat schlug 1872 der nahen Zionskapelle wegen jedenfalls den Namen “Zionsweg” vor, aber die Bezeichnung wurde nicht genehmigt. 1874 befanden die Granden der Stadt selbst den Namen Communication (-sweg) endgültig für irgendwie blöd, communicierten das jedoch nicht, sondern benannten den Verbindungsweg zwischen der schon damals so heißenden Schönhauser Allee und der kurz zuvor Greifswalder Straße genannten ‘Bernauischen Landstraße’ oder ‘Poststraße nach Berlin und Stettin’ Chaussee einfach in Danziger Straße, den weiteren Verlauf bis zur Landsberger Allee in Elbinger Straße um. Schon weil gerade die IV. Gasanstalt, mit dem ersten von insgesamt fünf Gasometern am Wege errichtet wurde und man vermutlich nach einer netten Adresse suchte.

Die Gasanstalt nahm also 1873 den Betrieb auf und wurde in wenigen Jahren umfassend erweitert. Kurz nach der Jahrhundertwende sollte der Betrieb der größte Energieerzeuger der Stadt werden und das für rund 50 Jahre bleiben.

Einer der Gasbehälter der IV. Städtischen Gasanstalt. © Urheber unbekannt.

Insgesamt erreichte die Gasanstalt ein beachtliches Betriebsalter von knapp 110 Jahren. Von Baubeginn 1872 dauerte es zunächst rund 30 Jahre, bis zur Jahrhundertwende, bis die mehreren hundert Arbeitsplätze im städtischen Unternehmen für ein Zusammenwachsen von Industrie und eben Wohnungsbau sorgten.

Luftbild der iV. Städt. Gasanstalt. © Urheber unbekannt, ca. mitte der 1920er.

Gegen nennenswerten Widerstand in Teilen der Bevölkerung und entgegen öffentlichen Verlautbarungen der DDR-Stadt(-bezirks-)oberen – Noch zu Jahresbeginn 1983 heißt es in einem Artikel der Zeitschrift NBI: “…Die mächtigen Gasometer werden nicht in die Mangel genommen. Sie bleiben als Baudenkmale erhalten.” – wurden die Gasbehälter schließlich 1984 gesprengt.

[Eine eindrucksvolle Serie an Bilder lässt sich mit einigem Suchen finden, jedoch fehlen mir noch die Genehmigungen, sie hier zu zeigen. Bis dahin sei auf die durchaus ebenfalls ansehnliche Serie auf den Seiten der Wabe verlinkt.]

[Update: Puh, nach einiger Zeit der aufwändigen Suche, habe ich besagte Serie wiedergefunden. Hier ist sie! Die Nutzungserlaubnis steht noch aus, bis dahin sei hier nur der Link angebracht.]

Nach dem “Rückbau” des Industriekomplexes wurde auf dem Areal der Ernst-Thälmann-Park mit seinerzeit, in den 1980ern der DDR modernen Wohnungsbau, Parkflächen und kulturellen Einrichtungen, teilweise noch in den Resten der zur Gasanstalt gehörenden Gebäuden und dem Zeiss-Großplanetarium geschaffen. Einer der wenigen Flecken im Prenzlauer Berg, der in der Erinnerung an die 80er Jahre hier nicht schwarz/weiss erscheint, doch in seiner DDR-Farbigkeit dennoch nicht eben anziehend wirkte und wirkt.

Es wurde, das am Wegesrande gewissermaßen, im weiteren Verlauf des Communicationsweges, namentlich am ‘Hellwege vor dem Halleschen Tor’, der heutigen Gitschiner Straße in Kreuzberg zuvor schon ein Gaswerk erbaut. Und zwar hatte sich eine in London gegründete Gasgesellschaft, die Imperial Continental Gas Association das hehre Ziel gesetzt, europäischen Großstädten die Gasversorgung angedeihen zu lassen. Diese ‘Gas Erleuchtungs Anstalt’ versorgte im September 1826 die erste Gasbeleuchtung in Berlin, die nämlich in der Straße Unter den Linden.

1893 und 1894 wurden in der Danziger Straße 50 die ’162. und 197. Gemeindeschule für Knaben’ errichtet und eröffnet.

Danziger Str. anfangs des 20. Jahrhundert. © Urheber unbekannt.

Im Sommer 1908 dann, kurz vor der Einweihung des 5. Gasometers der o.g. Gasanstalt, eröffnete die ‘Straßenbahnen der Stadt Berlin’ (auch Städtische Straßenbahnen Berlin [SSB]) zwei Straßenbahnlinien, die von der Kreuzung Landsberger Allee / Elbinger Straße zur Bernauer Straße / Wattstraße führten. Die Grundsteinlegung der heutigen Partytram M10, gewissermaßen. Nach 1910 wurden die Linien einige Male verlängert und man wäre mit der Tram von 1913, über Oranien- bzw. Wiener Straße sogar noch bis zum Hermannplatz, ans gerade hübsch gentrifizierte Kreuzkölln gekommen. Hieran lässt sich ablesen, dass die Geschicke und Geschichte des Prenzlauer Bergs, Friedrichshains und Kreuzbergs eng verknüpft sind, was mit dem Groß-Berlin-Gesetz von 1920 sozusagen ins Kopfsteinpflaster der Danziger Straße gemeißelt wurde. (Die Nahverkehrsfetischisten finden übrigens hier [PDF Aus dem Archiv www.Berliner-Verkehrsseiten.de] den Linienplan von 1925.)

Kurze Zeit später, im Sommer 1913 wurde der U-Bahnhof Danziger Straße im Zuge der Erweiterung der Centrumslinie, der Nordringstreckeeröffnet.

U-Bahnhof Danziger Straße 1913. © Urheber unbekannt.

Die erste und einzige Kirche an der Danziger Straße, früher noch Elbinger Straße, die evangelische Adventkirche wurde am 10. April 1910 grundsteinbelegt und am 26. Februar 1911 geweiht. Sie ist gewissermaßen eine Billigkirche, da die evangelische Stadtsynode wegen des Kirchenbooms anfangs des 20. Jahrhunderts beschloss, einer jeden neuen Kirche nur noch 200.000 Mark, was etwa 1 Million Euro entspricht, zur Verfügung zu stellen. Dennoch im Stil der Moderne mit merklichen Nachwirkungen der Neogotik erbaut, liessen die Architekten ‘DinklagePaulus‘ Drahtputz, Gips und Zement verbauen. Das sollte sich in Folge der Zerstörungen vom Frühjahr 1944 und der zweiten Aprilhälfte 1945 rächen, als alles mögliche Richtung Kniprodestraße niedergebrannt wurde, um von den nahen Flaktürmen im angrenzenden Volkspark Friedrichshain freie Schussbahn auf den unter anderem von dort vordringenden ‘Russen’ zu haben. Da der Bau nach dem Krieg zwar gottesdienstlich hin und wieder genutzt wurde, jedoch ohne Dach, quasi mit direktem Draht zum Herrn über Jahre stehen und zerfallen sollte. 1951 wurde sie erst wieder eingeweiht und dem plansozialistischen Baugewerbe ausgesetzt. Dem Herrn sei dank ist die Kirche irgendwie erhalten geblieben, was man von den Schäfchen im Gemeindesinne vielleicht nicht sagen kann.

Ein anderes, nicht minder allein mit Phantasie besuchenswert gemachtes Etablissement erbaute Otto Wernerund wurde 1926 eröffnet: Die Elysium-Lichtspiele in der Prenzlauer Allee 56, an der Ecke und vor dem Krankenhaus Danziger Straße.

Das Krankenhaus Danziger Straße. Die Flagge auf dem Dach verrät die ungefähre Zeit der Aufnahme. © unbekannt.

Leider sind nur wenige Infos zu finden und die noch wenigeren Bilder sind mittlerweile von einer Platzhalter-Seite versteckt worden. Hier wenigstens eines, was ich retten konnte:

Elysium-Lichtspiele Prenzlauer Allee 56, Ecke Danziger Straße. © Urheber unbekannt.

Die kargen Informationen legen eine umfassende Zerstörung in den letzten Kriegswochen sowie den Abriss 1946 nahe.

1950 nun wurde die Danziger Straße die Dimitroffstraße. Georgi Dimitrow- falls man nicht weiß, wie etwas zu schreiben ist: Im Zweifel so wie man es spricht; daher der Straßenname – hatte einen großen Auftritt beim Van der Lubbe-Prozess, als er rhetorisch glänzend und so Hermann Göring Schmach zufügend frei gesprochen wurde. Später wurde er noch Chef der kommunistischen Partei und Ministerpräsident Bulgariens.

Straßenbahn in der Dimitroffstraße. © Jean-Jacques Barbieux, August 1960, Ost-Berlin (DDR)

Am 25. oder 26. Februar 1962 starb mit Fredy Sieg ein über die Stadtgrenzen hinaus bekanntes Original. Er lebte etwa fünfzig Jahre an der Elbinger Straße, starb jedoch an der Dimitroffstraße.

Zum Schusterjungen, Dimitroffstraße, September 1987. © Frank-Rainer Wagner, Berlin, 1987.

Eine der ältesten Kneipen oder eine der ältesten Gaststätten in der Danziger Straße, auf jeden Fall das älteste noch besuchbare Etablissement ist die Gaststätte “Zum Schusterjungen” in der Danziger Straße 9 an der Ecke zur Lychener Straße. Seit etwa 100 Jahren bekommt man hier neben Gebrautem und Gebranntem eher Vieux jeu cuisine.

Dimitroffstraße, Ecke Schönhauser, vermutlich in den späten 1960ern. © Urheber unbekannt.

Die Kreuzung zur Schönhauser Allee noch einmal etwas später aufgenommen:

Dimitroffstraße mit Blick zur Kreuzung Schönhauser Allee. Mit Feuerwehr W50. © Frank-Rainer Wagner, Berlin, 1987.

Und damit nun wirklich jeder sieht, wie wandelbar diese Kreuzung sein kann, noch einmal von der anderen Seite aus:

Dimitroffstraße, Blick zur Kreuzung Schönhauser Allee, in die Eberswalder Str. © Lutz Schramm, Berlin, 1980er Jahre.

1995 wurde die Dimitroffstraße wieder in Danziger Straße umbenannt. Allerdings wurde, um Kosten für u. a. Umbennung und Neunummerierung  und so Grundstücksneuvermessung zu sparen, auf die Teilung Danziger und Elbinger Straße verzichtet.

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