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Mehr Communication

21. Juni 2012

Communiziert wird auch – an einigen Tagen im Jahr sogar exzessiv; dazu später mehr – im Teil des Communicationsweges jenseits der Schönhauser Allee Richtung Mitte und Wedding. Und es mag historisch nicht verbrieft sein, doch auch im 19. Jahrhundert tat man das dort schon angelegentlich, so gab der Magistrat hiesiger königlichen Haupt- und Residenzstadt am 12. Mai 1889 (kurz nach dem 1. Mai des Jahres) bekannt, dass Wilhelm II. die Straße nach der nordöstlich von Berlin gelegenen Stadt Eberswalde zu benennen gedenkt. Es passt zwar ins Straßenbild der Umgebung mit der Choriner, Bernauer usw., doch behaupte ich kühn: Wilhelm II. hat sich das nicht ausgedacht. Irgendein Hofazubi sollte Straßen benennen. Wilhelm hätte dem ganzen mehr internationalen Esprit verpasst.

Wie dem sei, so hieß der Feldweg dann jedenfalls. Was macht man mit so einem Feldweg, der jetzt einen Namen trägt? Darüber haben sich bis 1912 viele Menschen wahrscheinlich keine Köpfe zerbrochen bis, ja, bis die Stadt Berlin das Gelände mit dem schon seit 1825 bestehenden und aufgrund einer einsamen Pappel auf dem Platz feingeistig “Exerzierplatz zur einsamen Pappel“ benannten Gelände kaufte. Und da Militär und Sport gute alte Bekannte sind, wurde der Exerzierplatz in eine Sportstätte umgewidmet.

Pappeln, insbesondere die da gestanden haben sollende Schwarzpappel, sind für einen gesellschaftlichen Mehrwert solch einer Sportanlage nicht besonders ausschlaggebend. So wurde der Platz unter anderem vom damals noch BFC Hertha 1892 genutzt. Die nächsten über 100 Jahre machen diesen Umstand erst rund wie einen Fußball: Hin und wieder übte sich die Herrenmannschaft in Geschichtsbewusstsein und stand herum wie eben jene Pappel und so stieg sie regelmäßig in niedere Ligen, zeitweise gar in die Amateur-Oberliga ab. Nun, und BFC blieb an dieser Stätte ein gern genutzter Name. Die Hertha ihrerseits benannte sich in BSC, also Berliner Sport-Club um, wohl weil die Vereinsbosse erkennen mussten, dass Fußball nicht immer zur größten Stärke des Vereins gehörte. Da war sie jedoch schon an eine andere Stätte am nahen Gesundbrunnen gezogen.

Wenigstens der Name der Vereine sollte in Teilen beibehalten werden. Man müsste nämlich vermuten, dass die geistreichsten Köpfe der Stadt einen spritzigen, wohlklingen und subtilen Namen wie „Sportstätte zur einsamen Pappel“ gemeinsam erdacht haben, doch weit gefehlt. Bis 1952 – und ab wann ist völlig unklar – wurde zu dem Ding für’n Sport „Berliner Sportpark“ gesagt. Doch dann erschien selbst dem begnadetsten unter den Straßen- und Plätzebenennern irgendwas mit „zur einsamen Pappel“ zu hochtrabend. Also „Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark“. Der Turnvater hätte in dem Jahr seinen 100. Todestag feiern können, stahl sich per Ableben jedoch schon weit zuvor, etwa 100 Jahre um genau zu sein, von der Todestagsfeierei davon. Also heftete man an seinen Namen die Sportstätte. Er konnte sich ja nicht mehr wehren. Nach so vielen Jahren mit der Turnerei hatte der vielleicht gar keinen Gefallen mehr an dem ganzen Trimdich-Zeugs. (Die Wikipedia deutet das an: „1848 wurde Jahn in die Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche gewählt. Er wandte sich vom patriotischen Turnen ab, engagierte sich für Ruhe und Ordnung und vertrat die Idee eines preußischen Erbkaisertums.“)

Unruhen waren hier bereits mitte des 19. Jahrhunderts gern gesehene Flaneure. Im März, also etwas früher im Jahr, 1848 postulierten rund 20.000 Berliner Arbeiter hier Forderungen wie ‚geregelte und kürzere Arbeitszeiten‘, ‚höhere Löhne an Sonn- und Feiertagen‘ und ‚Einführung der allgemeinen Schulpflicht‘ an den preußischen König. Unerhört natürlich, aber Unruhe war nun da. Und mit dieser Tradition im historischen Rücken, nur eben gepaart mit dem Wunsch nach besserem Unruhewetter, wurde der 1. Mai und seine Randale Kundgebungen bald nach der Wende in den Prenzlauer Berg, zum Teil eben in die Eberswalder Straße versetzt.

Zurück zum Feldweg. 1913 bis 1915 wurde ein ansehnliches Postamt hierhin gebaut.

Briefträger auf dem Weg ins Postamt N58, Eberswalder Straße. 1958. © Horst Stumm, 1958. CC: Bundesarchiv, Bild 183-59114-0001 / Sturm, Horst / CC-BY-SA.

Ebenfalls 1915 war die Wohn-, die mit dem nett anzusehenden Eckhaus Schönhauser Allee 145/Eberswalder Straße 24 angeblich in der 1850er Jahren begonnen , auch zunächst schon wieder abgeschlossen. Zuvor, 1908 wie im Eintrag ‚Communicationsweg‚ bereits erläutert wurde, eröffnete hier eine Straßenbahnlinie, die bis zur Landsberger / Elbinger Straße auf der einen, bis Bernauer / Wattstraße auf der anderen Seite führte. Am 27. Juli 1913 dann eröffnete der U-Bahnhof Eberswalder Straße den Anschluss an das U-Bahnnetz.

Der U-Bahnhof vermutlich nicht lange nach seiner Eröffnung im Jahre 1913. © unbekannt. Quelle: www.berliner-untergrundbahn.de

Erst in den späteren 1930er Jahren wurde das oben genannte Exerzier- und Sportgelände etwas verkleinert und weitere Wohnhäuser sowie die damals Ludwigstraße (benannt nach dem 1932 erschossenen Nationalsozialisten Otto Ludwig), heute Topsstraße entstanden. Nur um in den Folgejahren massiven Rückbaubestrebungen standhalten zu müssen. Letzlich im großen und ganzen erfolgreich.

Der U-Bahnhof, mittlerweile Dimitroffstraße vermutlich in den 1960er Jahren vom „Exer“ an der Topsstraße aus. © unbekannt.

Wie man der Länglichkeit des Textes entnehmen kann, gibt es so allerhand viel nicht zur Eberswalder Straße zu sagen. Hier gab es bis 1990 die einzige koschere Schächterei Ost-Berlins, doch nicht einmal darüber, von wo der Schächter zweimal wöchentlich eingeflogen werden musste, sind sich die Quellen eins. Bulgarien oder Ungarn war es wohl jedenfalls. Und was die einen koscher finden, ist für die anderen weitgehend halal, weshalb die Köche der arabischen Botschaften (vermutlich ein wenig verkleidet oder über Mittelsmänner) hier regelmäßig einkauften.

Übr. ist die Eberswalder Straße in den Zeiten der Teilung Berlins gut und oft fotografisch dokumentiert worden, insbesondere die Ecke zur Oderberger Straße, da in der Bernauer Straße ein Aussichtspunkt aufgestellt war. Bilder davon habe ich schon einige, jedoch noch nicht die Nutzungsrechte. Sobald die da sind, sind auch die Bilder hier.

[Bei Zeiten geht’s hier weiter.]

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